Leseprobe: Die Kuh macht mich berühmt

 

Anfang der Geschichte: Gut geplant ist halb geflohen 

 

Sein Plan sah folgendermaßen aus: Warten, bis der Bauer den Fernseher anmachte (der Herr hörte nicht mehr so gut, stellte das Gerät ziemlich laut), die Stalltür eintreten und weglaufen.

Dummerweise erzählte er der Katze davon.

„Ausgeschlossen! So einfach geht das nicht!“, entrüstete sie sich. Sie wusste, dass Ver-brechen, wie auch eine Flucht, sorgfältig geplant werden mussten. Im Fernsehen wurden die Täter oder Ausbrecher immer geschnappt. Das sollte dem Esel – dank ihrer Erfahrung – nicht passieren. Da er sie beharrlich anstarrte, ließ sie sich zu einer Erklärung herab: „Wenn der Herr vorm Zubettgehen noch einmal nach dir schaut, fliegt alles zu schnell auf und er wird dich einholen und zurückprügeln. Die Flucht muss in einer Nacht-und-Nebel-Aktion über die Bühne gehen.“

Der Bauer hatte sich nach Feierabend noch nie um ihn gekümmert. Und warten, bis nachts Nebel herrschte? Das konnte dauern. Morgens war es manchmal diesig. Den letzten Teil ihrer Aussage verstand er überhaupt nicht. Über welche Bühne sollte er gehen? Wo gab es hier so etwas? Er wagte nicht zu fragen. Er würde es dann schon sehen und sich hoffentlich nicht zu sehr ängstigen. War so ein Ding steil?

„Wir müssen einen minutiösen Plan ausarbeiten“, ergänzte die Katze.

Der Esel verdrehte die Augen. Schon wieder so ein Wort …

„Wir müssen einen Fragenkatalog aufstellen“, erklärte sie ihm. „Wann, wo, wie, weshalb?“

„Wann? Möglichst bald. Wo? Wie ist das gemeint? Vom Stall aus dem Stall …“

„Nun hör schon auf! Das ist doch nur so eine Floskel. Lass mich mal machen.“

Manchmal hatte es ihn genervt, stundenlang dem wohlgenährten Fellknäuel zuhören zu müssen. Mord, Erpressung, Raub, Entführung, Bankeinbrüche und auch Ausbrüche gehörten zu ihrem Repertoire, wie sie sagte. Die Katze stand auf so gutem Fuß mit dem Herrn, dass sie erst bei Sendeschluss aus dem Haus geworfen wurde. Da der Bauer ein Krimifan war und sämtliche Serien im Fernsehen verfolgte, hatte sie sich zur Expertin entwickelt. Brühwarm hatte sie ihm jede Folge bis ins kleinste Detail erzählt.

Agatha, wie sich die Katze selbst nannte, wobei sie größten Wert auf die englische Aussprache des Ti-Eytsch legte, stemmte entschlossen eine Pfote in die Seite und begann: „Erster Punkt: Wie bekommen wir die Stalltür auf? – Mit einer Kredit- oder Bankkarte.“

Der Esel war froh, dass sie ihre Frage gleich selbst beantwortet hatte. Darauf wäre er nie gekommen.

„Wie beschaffen wir uns eine solche?“, dachte sie laut.

Der Esel hoffte, dass ihr auch dazu etwas einfallen würde.

„Ich denke, wir sollten auf Plan B zurückgreifen“, sprach die Katze.

Noch ein Fluchtplan? Der Esel war verwirrt.

„Wie können wir verhindern, dass die Tür ins Schloss fällt?“, fragte sie.

Ob sie jetzt einen dritten Plan aufs Tablett brachte? Nein, es kam besser, sie antwortete sich wieder selbst: „Wir müssen etwas dazwischenklemmen.“

„Einen Keil“, schlug er vor. Wenn es bei seiner Anatomie nicht so schwierig gewesen wäre, hätte sich der Esel am liebsten auf die Schulter geklopft. In der Mühle gab es jede Menge Keile, damit kannte er sich aus.

„Quatsch! Das merkt der Bauer doch sofort und wird misstrauisch. Ein alltäglicher Gegenstand muss es sein.“

Sie dachte nach. Der Esel schaute ihr dabei bewundernd zu. Als ein leises Brummen ihren Körper beben ließ, wusste er, dass sie eine Lösung gefunden hatte, die sie auch gleich ausposaunte: „Ein Hühnerbein!“

Er bemühte sich, sein Schaudern zu verbergen, aber sie bemerkte es gar nicht, war zu sehr auf ihre Idee konzentriert.

„Bei der letzten Schlachtung habe ich ein Hühnerbein entwendet. Man weiß ja nie! Wenn mal eine Mäuseseuche ausbricht und das Futter knapp wird, dann hat katze wenigstens etwas zum Knabbern.“ Sie zögerte kurz, erläuterte dann weiter: „Der Bauer wird sich sagen, er hätte vergessen, es auf den Müll zu werfen. Wenn er müde oder wenn es bereits Viertel nach acht ist, wird er sich nicht danach bücken, sondern die Türe nur anlehnen. Er denkt garantiert, so ein dummer Esel bemerkt den Unterschied nicht.“

Sie brach erschrocken ab, aber der Genannte war noch damit beschäftigt, sich vor Hühnerbeinen zu ekeln und vor der Mäuseseuche zu fürchten. Ob die auf Huftiere übergreifen konnte? Es ging ihm gar nicht gut. Er war bestimmt leicht grünlich um die Nüstern.

„Dann wäre da noch das Problem mit den Scharnieren!“, sinnierte sie.

„Welche Scharniere?“

„Die der Stalltür, du Doofkopf“, erklärte sie, wobei sie nur den ersten Teil laut aussprach.

„Was ist damit?“

„Sie quietschen beim Öffnen.“

„Nie gehört“, brummelte der Esel.

„Sag mal, wie unsensibel bist du denn? Das ist ein Geräusch, das geht durch Mark und Pfote.“

Mir nicht, wollte er gerade sagen, aber da er nicht als unsensibel gelten wollte, was immer das sein mochte, schwieg er. Er war sich sicher, Agatha würde auch dafür bald eine Lösung parat haben.

„Wir brauchen ein Ölkännchen!“, verkündete sie.

„Ölkännchen“, echote er.

„Oder ein anderes Schmiermittel“, gestand sie zu.

Darunter konnte er sich etwas vorstellen. Und da sie nun wirklich ratlos schien, schlug er vor: „Hühnerkacke, Kuhdung, der Inhalt des Spucknapfs des Bauern ...“

„Wie unprofessionell!“, schrie sie entsetzt.

Was war das denn nun wieder? Ein ihm unbekanntes Schmiermittel?

Agatha grübelte und brabbelte dabei vor sich hin: „Ölkännchen ... Ölkännchen … Mühle … Sabotage … Reparatur ...“ Dann wandte sie sich ihm zu. „Wir werden einen Gegenstand im Hafersack verstecken ...“

„Aber kein Hühnerbein“, unterbrach er sie mit weinerlicher Stimme.

„Nein, etwas Festes, Schweres. Am besten einen Stein. Wenn er ins Mahlwerk gerät, geht es kaputt oder bleibt zumindest stehen. Der Müller wird sofort den Monteur anrufen, ihm gehörigen Druck machen, damit der Mühlenbetrieb nicht zum Erliegen kommt.“

Wie gerne hätte er sich ein wenig hingelegt und gedöst. Das war alles so anstrengend. Aber er musste aufpassen, die Katze war schon einige Sätze weiter.

„Wenn er seine Tasche öffnet, schnappst du dir ein Ölkännchen und versteckst es in einem leeren Sack.“

„Wie erkennt man ein Ölkännchen?“, fragte er schüchtern.